Bild: Stephanie Malen
Ein Bericht von Emma Busch zur CI-Delegation zum zapatistischen Treffen „Rebellion und Widerstand: Einige Teile des Ganzen“ im August 2025 in Chiapas, Mexiko
Mit dem Commons-Institut nach Mexiko? Nicht gerade eine der CI-typischen Aufgaben. Aber wenn die Zapatista zu einer Reihe internationalistischer Treffen einladen, dann kitzelt es auch uns in den Füßen. Schließlich wird innerhalb der Linken immer wieder mit Interesse und Bewunderung nach Chiapas geschaut. Die zapatistischen autonomen Gebiete gelten als eine der bekanntesten Umsetzungen linker Utopie-Entwürfe weltweit. Dass da Commons und Commoning nicht fern sein können, hätte uns eigentlich klar sein müssen. Und trotzdem waren wir überrascht davon, wie viel Commoning wir im aktuellen Vorschlag der Zapatista für den Kampf für das Leben steckt. Ihr Vorschlag heißt: El Común, „das Gemeinschaftliche“ und „no propiedad“, das Nicht-Eigentum.
Wem die Zapatista kein Begriff sind: Oft als Bewegung bezeichnet, sind die Zapatista doch eher eine sozialrevolutionäre Organisation, bestehend aus Maya-Indigenen, die mehrheitlich als (Subsistenz)-Landwirt*innen arbeiten. Am 1. Januar 1994 traten sie erstmals öffentlich in Erscheinung und besetzten in einem bewaffneten Aufstand schätzungsweise ein Drittel des Gebiets in Chiapas1. Aus Verelendung und gesellschaftlicher Ausgrenzung heraus forderten sie Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Land, indigene Selbstbestimmung und ein Ende der neoliberalen, korrupten, militarisierten Regierungspolitik.
Die 1994 wiedergewonnenen Territorien, die den Indigenen durch die europäische Invasion genommen worden waren, werden noch heute von den Zapatista autonom regiert und verwaltet. Auch wenn sich die Strategien der Repression mit den Jahren verändert haben, wird zapatistisches Land und Organisierung weiterhin angegriffen. Wie zuletzt im Landkreis Belén, in dem sich Männer geschützt durch die Bundesarmee und die Bezirkspolizei von Ocosingo mit gefälschten Papieren als die eigentlichen Landbesitzer ausgaben und Häuser sowie Ernte anzündeten. Unter anderem deshalb ist die Organisation auf internationale Solidarität angewiesen, so wie sie beispielsweise durch internationalistische Treffen gefördert wird.
Aufgrund der Erfahrungen vergangener bundesweit koordinierter Reisen zu Zapatista-Treffen, gab es diesmal eine besonders intensive Vorbereitung miteinander, die vom Netz der Rebellion organisiert wurde. Friede und ich waren also in guter Gesellschaft. Mit circa 25 „Compas“ (Kolleg*innen/Genoss*innen), wie wir im Laufe der Zeit zu sagen lernten, die aus unterschiedlichen Politgruppen kamen, machten wir uns gemeinsam auf den Weg.
Bei dem zweiwöchigen Treffen teilten die Zapatista, was sie teilen wollten in Form von Theaterstücken mit, die sich über mehrere Tage erstreckten. In den Stücken ging es primär um die Rechtfertigung der Umgestaltung ihrer Organisationsstruktur. Dieser Prozess läuft seit über zehn Jahren, im November 2023 konkretisierten sie die Neuerungen erstmals öffentlich2. Im Stück stellten sie exemplarisch unterschiedliche Fälle von Machtmissbrauch dar, zu denen es in der Vergangenheit gekommen war: Gemeinschaftliche Gelder wurden für private Zwecke missbraucht. Kollektive Ressourcen, wie zum Beispiel ein kommunales Auto, fielen ebenfalls privaten Interessen zum Opfer. Und als es um die Herstellung von Gerechtigkeit in einem Fall von sexualisierter Gewalt ging, kam es zu Vetternwirtschaft und Bestechung. Alles Dinge, die nach organisationseigenen Grundsätzen nicht passieren sollten – innerhalb einer so großen Organisation aber eben doch passieren.
Als Lehre zogen die Zapatista aus diesen Erfahrungen, ihre Autonomie horizontaler zu organisieren. Subcomandante Moisés, Sprecher der Organisation, reflektierte, sie hätte „kopiert“, also etwas Fremdes übernommen. Die „Pyramide“ als (Lebens-)Form kapitalistischer Vergesellschaftung hat sich in ihre Organisationsweise eingeschlichen. Die Macht einer 500 Jahre alten hegemonialen Praxis hätte auch vor ihren Toren nicht halt gemacht, gestanden sie offen ein. „Doch die Praxis hat uns gezeigt, dass diese Pyramiden-Form nicht funktioniert. Sie hat uns nicht gedient. Sie ist nicht unser Eigenes“.
Neben dem Nein zur Pyramide beinhaltet die selbstkritische Reflexion zwei weitere Elemente, die die Organisation vorschlägt für das Kampf für das Leben: „das Gemeinschaftliche“ und das „Nicht-Eigentum“. Wir verstehen diese drei Elemente sowohl als praktische als auch als ideelle Ausrichtung. Sie antworten sowohl auf die Frage „Was sollten wir (jetzt) tun?“ als auch auf die Frage „Wie können wir uns das gute Leben für alle (in der Zukunft) vorstellen?“.
Die Begriffe blieben bei dem Treffen eher offen. Bei dem Versuch, das „Eigene“ zu finden, schreiten die Zapatista ihrem Motto getreu fragend voran. Sie betonen, dass die neue Organisationsstruktur dabei ist, sich zu entwickeln und sich durch die Praxis hindurch zu finden und zu festigen. Im Folgenden versuchen wir, die drei Begriffe gemäß dem, was wir auf dem Treffen gehört haben, soweit wie möglich zu bestimmen.
- El Común wird auf enlacezapatista.org als „das Gemeinschaftliche“ übersetzt. Aus sämtlichen Beitragen lässt sich folgendes Verständnis rekonstruieren: Es geht darum, (a) etwas gemeinsam zu machen, ähnlich dem deutschen Begriff „gemeinschaffen“, also tauschlogikfrei, d.h. im Sinne von Commoning. Dabei geht es entsprechend (b) um die Selbstorganisation derjenigen, die gemeinsam schaffen, was auch in ihrem Kontext bedeutet, dass vor allem staatliche Akteure nicht mitmischen. Es scheint ihnen bei dem Vorschlag des Gemeinschaftlichen auch um so etwas zu gehen wie (c) „neue Allianzen“ zu schmieden. So wurde z.B. die Praxis des gemeinschaftlichen Landbewirtschaftens zwischen Zapatista und Nicht-Zapatista als das Gemeinschaftliche bezeichnet. Auch das Mithelfen Internationaler beim Bau des selbstverwalteten Krankenhauses wurde von Seiten der Zapatista als „das Gemeinschaftliche“ beschrieben. Auch der Fakt, dass das Krankenhaus ausnahmslos allen Menschen zur Verfügung steht, die es brauchen, wurde unter Einbezug des Begriffs „das Gemeinschaftliche“ erläutert.
- No propiedad, lässt sich zu deutsch mit Nicht-Eigentum übersetzen. Damit haben die Zapatista ein Konzept geschaffen, das Probleme, die im deutschsprachigen Raum mit alternativen Konzepten zum Privateigentum einhergehen, umgeht. Es ist weder gemeinschaftliches Eigentum gemeint, also eine Vergrößerung des Kreises der Eigentümer*innen. Noch bedeutet Vergesellschaftung hier Verstaatlichung. Es ist niemandens Eigentum – oder mit den Worten einer kleinen, schönen Punkband: „Die Bäume gehören sich selbst und dem Wind…“.
- Die Pyramide steht für Wenige oben – Viele unten. Wenige herrschen über Viele. Die Wenigen haben viel, die Vielen haben wenig. Das Bild der Pyramide fasst damit sowohl aktuelle Organisations- wie auch Verteilungsverhältnisse. Auch dazu, was Herrschaft und soziale Ungleichheit ausmacht, lieferten die Zapatista eine Antwort. Auf den vier Außenwänden, und damit gewissermaßen den Körper bzw. die Substanz einer circa 30 Meter hohen Pyramide bildend, standen die Worte Enteignung, Ausbeutung, Repression, Verachtung. Diese vier Phänomene können damit auch im übertragenen Sinne als das, was Herrschaft und soziale Ungleichheit ausmacht, verstanden werden. Auf der Spitze der Pyramide thronte das Dollar- (gleichzeitig auch mex. Peso) Zeichen. Es symbolisiert Geld als Motor der Geschichte.
Hellauf begeistert waren friede und ich natürlich vor dem Hintergrund dieser Kampfansage für das Leben. „Die reden doch von Commons!“, riefen unsere Blicke, die sich trafen, jedes Mal, wenn im Theaterstück von „el Común“ und „no propiedad“ die Rede war.
Diese drei Prinzipien spiegeln unserer Auffassung nach dieselben Praktiken und dieselbe ideelle Ausrichtung wieder, über die wir in einem Commoning-Vokabular als bedürfnisorientierte Selbstorganisation auf Augenhöhe sprechen. Was wir durch „Augenhöhe“ oder „gleichrangig“ zum Ausdruck bringen, fassen die Zapatista als Nein zur Pyramide. Wenn wir meinen, dass wir in Kooperation Bedürfnisse befrieden sollten, sprechen sie von dem Gemeinschaftlichen. Und sogar die Einsicht in eine materielle Grundlage teilen wir, auf die sich unsere gemeinschaftlichen Beziehungsweisen beziehen. Der Ruf nach dem Nicht-Eigentum, der Ruf nach den Commons.
Wenn die Zapatista über das Gemeinschaftliche sprechen, nehmen sie dabei oft eine historische Perspektive ein. Sie erkennen darin eine Praxis, die historisch, für ihre Großeltern und Groß-Großeltern Normalität war, ihnen allerdings zweifach genommen wurde. Zuerst durch die Versklavung auf den Fincas ausländischer Großgrundbesitzer und später durch die Ausbreitung kapitalistischer Lebensformen. Diese Perspektive ermöglicht, die Veränderung als Verlust zu reklamieren und darin die Durchsetzung von Machtverhältnissen zu sehen.
In einem 1,5 stündigen Slot haben wir vor einigen hundert Zapatista, Internationaler und einer laufenden Kamera (man munkelt, sie würden später alle Vorträge noch einmal durchgehen) von Commons und Commoning erzählt. Ebenfalls als Theater stellten wir zu Beginn einige Commons-Praktiken aus Salzderhelden/dem K20-Umfeld dar. Daraufhin demonstrierten wir (bereits im theatralischen Modus angekommen) die Tauschlogik und stellten ihren perversen Charakter heraus. Ausgewählte Muster hatten wir auf Spanisch übersetzt und versuchten diese anhand von Beispielen von vor Ort zu veranschaulichen. Anschließend zog friede eine Brücke zu dem Intergalaktischen Treffen 1996 und dem daraus entstanden globalem Netz der Widerstände, und wir riefen zu einer internationalen Vernetzung für das Gemeinschaftliche und die Commons auf (die leider im Sande verlief). Auf unseren Vortrag hin bekamen wir positive Resonanz wie auch Kritik. Manchen war er zu theoretisch – vor allem wenn man sich das Publikum anschauen würde, die nach klassischem Verständnis eher gering ausgebildeten Compas der zapatistischen Basis. Doch, wer nun wirklich zuhört, darüber steht in den Sternen. Manch eine hofft wohl auch heute noch, das Subcomandante Marcos vor dem Handy sitzt und vom Commons-und Commoning Vokabular hört.

